Oldtimer, Youngtimer & Klimaschutz: Welche Rolle E-Fuels wirklich spielen können
von Laura Kaiser aus dem Newsletter des PS.SPEICHER Einbeck
Wer mit euch über Oldtimer spricht, hört oft zwei Sätze direkt hintereinander: „Ich liebe diese alten Autos“ – und gleich danach: „Aber ist das heute eigentlich noch vertretbar?“ Spätestens, wenn Begriffe wie Klimakrise, CO₂-Budget und Verbrenner-Aus fallen, sitzt die Frage im Raum, ob euer Hobby noch in die Zeit passt.
Parallel dazu werden E-Fuels als Lösung gefeiert: synthetische Kraftstoffe, mit denen Verbrenner angeblich einfach klimaneutral weiterfahren können. In vielen Beiträgen klingt das, als könne man Oldtimer ohne weiteres „grün tanken“ und damit alle Gewissensfragen abhaken. Schaut man in Studien und Szenarien, wird das Bild deutlich differenzierter – aber auch spannender.
Dieser Text versucht genau das: nüchtern zu sortieren, wie klein der Oldtimer-Anteil am Verkehr wirklich ist, was E-Fuels leisten können und warum sie aus Sicht vieler Forschender eher eine Nischenrolle für historische Fahrzeuge und Spezialanwendungen spielen. Und er zeigt, warum die eigentliche Stellschraube weniger bei euren Liebhaberstücken liegt als bei Millionen Alltagsautos – ein Punkt, an dem der Vortrag von Dipl.-Ing. Helmut Heusler im PS.SPEICHER ansetzt.
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Wie groß ist der Klima-Fußabdruck von Oldtimern tatsächlich?
Die Debatte um Oldtimer ist emotional, die Zahlen sind es nicht. Das Kraftfahrt-Bundesamt weist Anfang 2023 knapp 794.000 Fahrzeuge mit und ohne H-Kennzeichen als Oldtimer aus; bezogen auf den Gesamtbestand an Pkw sind das deutlich unter zwei Prozent.
Noch wichtiger als die pure Fahrzeugzahl ist die Fahrleistung. Der ADAC führt aus, dass alle in Deutschland zugelassenen Pkw pro Jahr rund 591 Milliarden Kilometer zurücklegen. Dagegen kommen die mehr als 900.000 Pkw mit H-Kennzeichen im Schnitt nur auf etwa 1.000 bis 3.000 Kilometer jährlich – und fallen damit „kaum
ins Gewicht“.

Eine vom Bundesverband DEUVET in Auftrag gegebene Auswertung der Bundesanstalt für Straßenwesen bestätigt diese Größenordnung: Selbst wenn der Bestand älterer Fahrzeuge weiter wächst, steigt ihr Anteil an der jährlichen Pkw-Fahrleistung bis 2040 voraussichtlich nicht über 0,5 Prozent.
Für klassische Luftschadstoffe wie Kohlenwasserstoffe und Stickoxide liegt der Anteil der über 30 Jahre alten Fahrzeuge höher – DEUVET spricht von etwa vier Prozent der Gesamtemissionen im Pkw-Verkehr –, weil viele Oldtimer ohne moderne Abgasnachbehandlung unterwegs sind. Beim Treibhausgas CO₂, das direkt mit dem Kraftstoffverbrauch verknüpft ist, spielt jedoch vor allem die geringe Jahreskilometerleistung eine Rolle. In Summe tragen Oldtimer nur einen sehr kleinen Teil zu den Klimaemissionen des Straßenverkehrs bei.
Das ist keine Einladung zum „Weiter so“, aber ein wichtiger Kontext: Ob die Klimaziele erreicht werden, entscheidet sich nicht an den wenigen hunderttausend Liebhaberstücken, sondern an den vielen Millionen Alltags-Pkw, Transportern und Lkw.
Was E-Fuels versprechen – und was die Forschung daraus macht
E-Fuels sind synthetische Kraftstoffe, die mit erneuerbarem Strom, Wasser und CO₂ erzeugt werden. Strom treibt eine Elektrolyseanlage an, die Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff trennt; der Wasserstoff wird anschließend mit CO₂ zu flüssigen Kohlenwasserstoffen synthetisiert, die Diesel oder Benzin ähneln und in bestehenden Motoren und Tankstellen genutzt werden
können.
Richtig produziert, können E-Fuels bilanziell klimaneutral sein: Das beim Fahren freigesetzte CO₂ entspricht dann dem zuvor entnommenen. Für Oldtimer klingt das wie ein Traum – kein Umbau, kein Eingriff in die originale Technik, aber die Möglichkeit, unabhängig von fossilen Kraftstoffen weiterzufahren.
Der Haken liegt im Wirkungsgrad. Mehrere Analysen, unter anderem vom Fraunhofer ISI, zeigen: Von der ursprünglich eingesetzten erneuerbaren Energie kommen bei E-Fuels im Pkw-Bereich heute nur etwa 13 bis 15 Prozent am Antriebsrad an. Bei batterieelektrischen Fahrzeugen liegt dieser Wert, je nach Annahmen, bei rund 70 Prozent und mehr. Anders gesagt: Aus derselben Kilowattstunde Strom lässt sich mit einem Elektroauto ungefähr vier- bis fünfmal so viel Fahrstrecke herausholen wie mit einem E-Fuel-Pkw.
Genau diese Diskrepanz bildet den Kern der Kritik vieler wissenschaftlicher Bewertungen im Hinblick auf den
Massenmarkt. Eine Metastudie, die das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft im Auftrag der Klima-Allianz Deutschland erstellt hat, kommt zu dem Schluss, dass E-Fuels für Verbrenner-Pkw insgesamt zu teuer, zu ineffizient und in zu geringen Mengen verfügbar sein werden. Die Autorinnen und Autoren sprechen von einem Einsatz „für einen kleinen Restbestand an Verbrenner-Pkw“ und empfehlen, die Elektrifizierung des Pkw-Verkehrs zu beschleunigen, statt E-Fuels als breite Alternative
aufzubauen.
Die Initiative Klimaneutral lässt in einer Szenarienanalyse berechnen, wie sich verschiedene E-Fuel-Strategien bis 2045 volkswirtschaftlich auswirken. Das Ergebnis: Für den Pkw-Massenmarkt sind E-Fuels weder energie- noch kosteneffizient; empfohlen wird, E-Fuels auf „eng umrissene Nischen“ zu beschränken und den batterieelektrischen Antrieb als Hauptpfad zu
sichern.
Gleichzeitig gibt es – etwa vom eFuels Forum und aus der Industrie – Kritik an diesen Studien. Dort wird moniert, sie würden positive Lerneffekte, günstigere Produktionsstandorte und mögliche Skalierung
unterschätzen. Die große Linie bleibt jedoch über viele unabhängige Arbeiten hinweg erstaunlich einheitlich: E-Fuels werden gebraucht, aber eher dort, wo direkte Elektrifizierung schwer ist, zum Beispiel in der Luft- und Seeschifffahrt – im Pkw-Bereich sind sie perspektivisch eine Randerscheinung.
E-Fuels als Nische: Warum ausgerechnet Oldtimer im Gespräch sind
Interessant wird es, wenn Studien genauer hinschauen, wo diese „Randerscheinung“ liegen könnte. In der erwähnten Szenarienanalyse der Initiative Klimaneutral gibt es ein Szenario, das explizit E-Fuels für einen begrenzten Teil des Pkw-Bestands vorsieht – unter anderem für Oldtimer und spezielle Fahrzeugflotten. Für rund 1,3 Millionen Fahrzeuge wird dort ein Bedarf von 0,62 bis 1,17 Milliarden Liter E-Fuels pro Jahr angenommen. Bei einem Literpreis von etwa zwei Euro ergibt das jährliche Kosten im niedrigen einstelligen Milliardenbereich. In der Gesamtrechnung wird das als wirtschaftlich „beherrschbar“ eingeordnet, solange der Rest der Pkw-Flotte weitgehend elektrifiziert
ist.
Diese Zahlenspiele greifen genau das auf, was auch die Oldtimer-Community seit Jahren betont: Historische Fahrzeuge sind mengenmäßig ein Sonderfall. Ihr Anteil am Bestand ist klein, ihre jährliche Fahrleistung noch kleiner. Gleichzeitig haben sie einen hohen kulturellen Wert. Repräsentative Befragungen, etwa die „Classic Studie“ von ZDK, VDA, VDIK und BBE, zeigen, dass ein großer Teil der Bevölkerung Oldtimer als Kulturgut betrachtet und sich freut, sie im Straßenbild zu sehen.
Wenn E-Fuels grundsätzlich Teil eines klimaneutralen Energiesystems werden sollen, liegt es aus dieser Perspektive nahe, sie dort einzusetzen, wo Alternativen am schwierigsten sind und der ideelle Wert am höchsten ist – also bei historischen Fahrzeugen, bestimmten Spezialanwendungen und vielleicht ausgewählten Nischen in der Bestandsflotte.
Gleichzeitig muss man ehrlich sagen: Damit sind weder die Verfügbarkeit noch die Preise „vom Tisch“. Auch in solchen Nischen werden E-Fuels ein teures und begrenztes Gut bleiben, das aufwendig produziert und importiert werden muss. Die Vorstellung, einfach an jeder Ecke günstig „grünes Benzin“ zu tanken, wird auf absehbare Zeit Illusion bleiben.
Kann man mit dem Oldtimer klimaneutral fahren?
Die kurze Antwort lautet: vollständig klimaneutral im strengen Sinne ist es auch mit E-Fuels nicht – dazu sind Produktionsketten, Infrastruktur und globale Energiebilanzen zu komplex. Aber deutlich klimafreundlicher als heute geht, wenn mehrere Punkte zusammenkommen.
Der erste und wichtigste Hebel liegt gar nicht beim Kraftstoff, sondern beim Umfang der Nutzung. Die meisten Oldtimer bewegen sich ohnehin im Bereich von ein bis drei Tausend Kilometern im
Jahr. Wer diese Größenordnung beibehält, kombiniert mit einem verantwortungsvollen Umgang im Alltag – also zum Beispiel Alltagsfahrten mit moderner, effizienterer Technik oder ganz ohne Auto – verschiebt seine persönliche Bilanz bereits in eine deutlich bessere Richtung.
E-Fuels können hier eine weitere, punktuelle Verbesserung bringen: Wenn wirklich vollständig erneuerbarer Strom in der Produktion steckt und das eingesetzte CO₂ nicht zusätzlich aus fossilen Quellen stammt, nähern sich die Fahrten bilanziell der Klimaneutralität an. Genau an dieser Stelle ist es wichtig, auf transparente Herkunftsangaben und Zertifizierung zu achten, statt sich nur auf den Begriff „E-Fuel“ zu verlassen. Die oben genannten Studien weisen darauf hin, dass gerade die Herkunft des Stroms entscheidend
ist.
Damit wird klar: „Klimafreundlich Oldtimer fahren“ entsteht als Kombination aus seltenem, bewusstem Einsatz des Fahrzeugs, klugen Entscheidungen im eigenen Mobilitätsmix – zum Beispiel Elektroauto, Bahn oder Fahrrad im Alltag – und gegebenenfalls ergänzend der Nutzung hochwertiger, tatsächlich erneuerbar erzeugter E-Fuels, sobald diese verlässlich verfügbar sind.
Oldtimer werden den Straßenverkehr nie klimaneutral machen. Aber in einem System, in dem die Alltagsflotte weitgehend dekarbonisiert ist, können sie als kleiner, gut begründeter Sonderfall existieren, ohne das Gesamtbudget zu sprengen – insbesondere, wenn die wenigen gefahrenen Kilometer möglichst emissionsarm zurückgelegt werden.
Und die große Frage im Hintergrund: Was passiert mit Millionen Alltagsautos?
Genau hier schließt sich der Kreis zur gesamtgesellschaftlichen Debatte. Die Metastudie des FÖS und die Szenarien der Initiative Klimaneutral betonen immer wieder denselben Punkt: Entscheidend für die Klimaziele ist nicht, ob Oldtimer künftig mit fossilem Sprit oder E-Fuels unterwegs sind, sondern wie der breite Pkw-Bestand umgebaut
wird.
Die spannende Frage ist also weniger, ob Oldtimer weiter fahren dürfen, sondern wie wir die große Masse der Alltagsfahrzeuge klimafreundlicher bekommen. Batterieelektrische Antriebe mit möglichst sauberem Strommix, gegebenenfalls ergänzt um Wasserstoff im schweren Verkehr, spielen dabei in den meisten Analysen die Hauptrolle. E-Fuels werden vor allem als Ergänzung gesehen – für Flugzeuge, Schiffe, Teile der Industrie und eben jene schmalen Nischen, zu denen historische Fahrzeuge gehören können.
Für euch als Szene ist das eine doppelte Chance. Zum einen könnt ihr zeigen, dass ihr den Klimaschutz ernst nehmt und euren eigenen Beitrag realistisch einschätzt. Zum anderen könnt ihr selbstbewusst darauf verweisen, dass Oldtimer im Vergleich zu Alltags-Pkw nur einen winzigen Anteil der Emissionen ausmachen und als rollendes Kulturgut behandelt werden sollten – idealerweise mit einer Perspektive auf langfristig verfügbare, erneuerbare Kraftstoffe.
PS.SPEICHER, FörderFreunde und der Blick über den Tellerrand
Der PS.SPEICHER in Einbeck ist genau der Ort, an dem diese Fragen zusammenlaufen. In der Erlebnisausstellung zur Geschichte der Mobilität seht ihr, wie sich Technik, Gesellschaft und Energieversorgung über mehr als 200 Jahre gegenseitig beeinflusst haben – von frühen Elektrofahrzeugen über die Massenmotorisierung bis zur aktuellen Vielfalt an
Antriebskonzepten.
Die FörderFreunde PS.SPEICHER e.V. holen mit dem Vortrag „Klimafreundliche Mobilität: Nur mit E-Antrieb? – Welche Alternativen gibt es?“ einen Referenten ins Haus, der diese Entwicklungen aus der Innenperspektive kennt. Dipl.-Ing. Helmut Heusler hat als Entwickler an klassischen Otto- und Dieselmotoren ebenso gearbeitet wie an Elektroantrieben, Brennstoffzellen und Hybridkonzepten und ist als Fachautor sowie Lehrbeauftragter aktiv. Seine Stärke liegt darin, verschiedene Antriebsarten nicht ideologisch, sondern anhand von Wirkungsgrad, Primärenergiebedarf und Einsatzprofil zu vergleichen.
Wer sich ernsthaft mit der Rolle von E-Fuels für Oldtimer, mit klimafreundlicher Mobilität insgesamt und mit der Frage „Was macht wirklich einen Unterschied?“ beschäftigen möchte, findet im Zusammenspiel von Ausstellung und Vortrag einen idealen Rahmen: Erst die Zeitreise durch „gestern und heute“, dann ein fachliches Update zur Mobilität von morgen.
Mitglied werden und dabei sein!
Als Mitglied der
FörderFreunde PS.SPEICHER habt ihr freien Eintritt zu den Veranstaltungen. Kein Ticketkauf, nur pure Unterhaltung! Also, schnappt euch eure Freunde, kommt vorbei und lasst euch von mit auf eine Reise nehmen, die ihr so schnell nicht vergessen werdet.
Ticketinfos & Mitglied werden: Der Eintritt ist für Mitglieder der FörderFreunde PS.SPEICHER kostenlos. Weitere Infos zur Veranstaltung und zur Mitgliedschaft gibt es auf unserer Webseite.