MBMC: Aus den Archiven – Mercedes Roadster Krupp von Bohlen

Als ich neulich ein paar Akten zum Thema „Oldtimer“ durchstöberte, stieß ich auf einen Artikel, der am 21. Juni 1908 in der AAZ (Berlin/Wien) erschien. Und da ich, wie ich gerade zu meiner eigenen Überraschung feststellte, diese Zeilen am 21. Juni 2021 schreibe, bedeutet dies, dass das genau 113 Jahre her ist.

Beim Betrachten der beiden Bilder des Wagens war ich verblüfft: Der Wagen war schon einmal, in grauer Vorzeit, in 1:43 modelliert worden!

Tatsächlich hatte die deutsche Firma Wittek, Hersteller der „Ziss“- und „RW“-Modelle, vor Jahren, in den späten 1960er Jahren, ein Modell dieses Roadsters mit aufgeklapptem Verdeck hergestellt, das zunächst als „Kettenwagen“ von 1905 bezeichnet wurde….

Von der Spielzeugwarenfirma Nacoral aus Zaragoza in Spanien gab es zudem noch eine qualitativ minderwertige Kunststoff-Kopie des Modells von RW. Aber immerhin war sie grün!

In dem historischen AAZ-Artikel wird der Roadster als ein zweisitziger Phaeton mit Dienersitz beschrieben. Der Rücken der herrschaftlichen Sitzbank vorne hatte eine doppelte Instrumententafel und eine zweite, auf die Hinterräder wirkende Handbremse, die bei Bedarf von einem hinten sitzenden Diener bedient werden konnte. Klingt beeindruckend, oder? Aber wozu eigentlich?

Stellen Sie sich vor, Herr und Frau Krupp von Bohlen und Halbach wollen nach einer ausgiebig mit Champagner begossenen Nacht im „Chambre Séparée“ eines Restaurants, in ihrem Phaeton zum „Hotel Adlon“ zurückkehren, wo sie, wenn in Berlin, übernachten, aber trotz der vehementen Proteste ihrer Dienerschaft(en) bestehen die Herrschaften darauf, unbedingt selbst zu fahren.

In Ermangelung eines Lenkrads kann der hinten sitzende Diener den Wagen nicht kontrollieren, und abgesehen davon, dass er auf dem Tacho sieht, wie schnell der offene Wagen entlang der Unter den Linden-Straße rast, ist das Einzige, was er tun kann … die Handbremse auf der rechten Seite zu ziehen, bevor der Wagen gegen einen Baum fährt.

Wenn Sie schon einmal so ein Manöver versucht haben, dann wissen Sie bestimmt, wie gefährlich sowas sein kann. Nicht ratsam, ganz und gar nicht!!

Wie auch immer, wenn wir es von der Warte des Jahres 2021 aus betrachten, ist dieses vor über 50 Jahren produzierte „RW-Modell“ ein Spielzeug; und aus einer Vielzahl von Gründen, die sicher nicht zuletzt eine Kostenfrage sind, finden wir bei allen Mercedes RW-Modellen das exakt gleiche „rollende Fahrgestell“, das Dank unterschiedlicher Aufbauten (und Farben) verschiedene Mercedes-Versionen ergibt. Das Automodell selbst ist also im Grunde genommen generisch und daher in vielerlei Hinsicht auch ziemlich ungenau.

Apropos Farben, das RW-Modell dieses speziellen Phaetons ist rot.

Der Krupp-Wagen in dem zeitgenössischen Artikel wird jedoch als grün mit schwarzen Streifen beschrieben.
Zugegeben, es gibt einen ähnlichen Sport-Roadster im Musée de l’Automobile in Mulhouse (ehemals Schlumpf-Museum) in Frankreich, ebenfalls mit zusätzlicher Bremse, und der ist tatsächlich rot; aber es ist eben nicht unser Krupp Phaeton, auch wenn zwischen beiden eine große Ähnlichkeit besteht.

Natürlich sind wir verwöhnt von all der Nachforschung und Detaillierung, die heutzutage in die Herstellung eines anständigen Modells einfließt.

RW-Modelle, das war vor über 50 Jahren, und damals wurde die Firma für die Einführung von separaten und transparenten Seitenlaternen und Scheinwerfern bewundert, und wir haben uns immer über jedes neue Modell gefreut…und freuen uns heute noch daran, und sei es nur, weil seither keines mehr dieser DMG-Mercedes Vorbilder von irgendjemandem als Modell gebaut wurde.

Das ist wirklich schade, denn dieser interessante DMG-Mercedes-Roadster „Krupp von Bohlen“ hätte es definitiv verdient, ein schönes aktualisiertes 1:43-Modell zu werden, natürlich einschließlich zusätzlichem Armaturenbrett und zweiter Handbremse.

Dabei ist mir aufgefallen, dass ich aus der Generation stamme, für die der Namen Krupp noch ein Begriff ist. Andererseits habe ich neulich als Antwort einen völlig leeren Blick von einem Fünfzigjährigen bekommen.
Also, nur so, für den Fall aller Fälle: mehr über die Krupp-Dynastie können Sie hier nachlesen:

https://www.encyclopedia.com/books/politics-and-business-magazines/fried-krupp-gmbh
(leider nur auf Englisch)

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