MBMC: DMG Mercedes 38/70 HP “Kaiserwagen”

Das Automobil:

Der DMG-Mercedes 38/70 HP gehörte 1911 zu den luxuriösesten Fahrzeugen im Angebot der Daimler-Motoren-Gesellschaft. Kein Wunder, dass er auch im kaiserlichen Marsstall des Berliner Schlosses seinen Platz fand, und Teil der Garage von Kaiser Wilhelm II. wurde.

Ausgestattet war der Wagen, ein “Landaulet”, zu der Zeit auch als “Coupé-Limousine” und ”Limousinen-Landaulet“ bezeichnet, mit einem 9.852 cm³ Reihen-Vierzylinder-Motor mit T-Kopf, Viergang-Schaltgetriebe mit Doppelkettenantrieb, Starrachse vorne und Starrachse hinten mit halbelliptischen Blattfedern sowie mechanische Zweiradbremsen an der Zwischenwelle des Getriebes und an der Hinterachse.

Der Mercedes reihte sich in die Reihe von über 20 Fahrzeugen verschiedener Marken (Mercedes, Benz, Opel, Adler, NAG und ein FIAT) ein, die um 1911 in der Palastgarage in Berlin untergebracht waren (zuzüglich weiterer fünf in der Sommerresidenz auf Korfu) und dem Kaiser und der Kaiserin zur Verfügung standen. Tatsächlich machte die Vielfalt der Marken deutlich, dass es kein Herstellermonopol gab, was den Weg für freien Wettbewerb ebnete. Am aller wichtigsten war, hinsichtlich der Wichtigkeit des Kunden, die Zuverlässigkeit, auf die jedes Fahrzeug geprüft wurde. Das galt übrigens auch für die Reifenhersteller.

Doch neben der Zuverlässigkeit war auch die Praktikabilität des Wagens wichtig, und so kam es seit der Akzeptanz der pferdelosen Kutsche durch den Kaiser zuerst zu offenen Fahrzeugen, die in gewisser Weise noch vom Design der ursprünglichen offenen Kutschen (wie z.B. der “Landauer”) inspiriert waren, aber auch ihre Nachteile hatten. Wie der Chronist Fedor Freud damals berichtete: „So haben sich zum Beispiel in Bezug auf die Karosserie bestimmte Tendenzen entwickelt. Der offene Wagen hat sich nicht bewährt, weil bei staubiger Straße der Kaiser und sein Gefolge am Bestimmungsorte oft in einem Zustand anlangten, der durchaus nicht als hoffähig bezeichnet werden konnte.“

Als praktische Marsstalltype hat man im Laufe der Zeit das Landaulet akzeptiert, dass bei schönem Wetter offen
und bei schlechten geschlossen gefahren werden kann. Die Wagen des Kaisers sind mit rotem Leder, diejenigen der Kaiserin mit beigefarbigem Tuch gepolstert. Beide bieten Raum für 4 Sitzplätze. Für den Stadtgebrauch in Berlin und Potsdam dient ferner eine große Coupe-Limousine mit Tuchausschlag. Die Lackierung der Wagen ist, wie bereits erwähnt, dem Farbton des Kaiserlichen Hofzuges nachgebildet. Man hatte die exzeptionelle Chamoisfarbe ursprünglich gewählt, um den Polizeiorganen und den Wachen schon von weitem die Ankunft der königlichen Wagen kenntlich zu machen und ihnen auf diese Weise den Dienst zu erleichtern. Man hatte aber dabei nicht mit dem Nachahmungstrieb von Leuten gerechnet, welche die Grenzen des Taktes nicht zu  respektieren wissen, und die dem König nicht lassen wollten, was des Königs ist. Zuerst war’s ein Baurat, dessen Frau es einen unsäglichen Spaß bereitete, wenn die Wache am Brandenburger Tore vor ihr präsentierte. Dann folgte ein Kommerzienrat, auf den die Wachen aber nicht mehr hineinfielen, und zum Schluss sonnten sich sogar die Autodroschken in der königlichen Farbe.

Auch mit dem Hupensignal des Kaisers wurde Missbrauch getrieben, bis der Polizeipräsident von Berlin  energisch dagegen einschritt. Und heute kann es der Berliner höchstens noch unterwegs erleben, dass ihn an den Gestaden von Heringsdorf oder Warnemünde die kaiserliche Fanfare freudig aufschreckt, dass er aber dann durchaus nichts an sich vorbeirollen sieht, was an Majestät erinnert. Aus obenerwähnten Gründen mussten die Hoheitsabzeichen, die bisher in Kronen auf sämtlichen Laternen, in einer großen preußischen Königskrone auf der Rückwand und in kleineren Königskronen mit Devisenband an den Türschlägen bestanden, verstärkt werden. Jetzt bezeichnet die wehende Standarte den Königlichen Wagen, wenn er von den Majestäten besetzt ist, und zwar wird innerhalb der preußischen Monarchie die Königsstandarte und außerhalb Preußens die Kaiserstandarte benutzt.

Fährt der Kaiser mit einem fürstlichen Gaste, so wird auch die Flagge des betreffenden Potentaten am Wagen, und zwar rechts befestigt, so dass zwei Flaggen einen fürstlichen Besuch ankündige. Im Marstall ist ein Flaggenschmuck für Souveräne vorhanden, dessen Reichhaltigkeit mit dem Flaggenschmuck eines Kriegsschiffes wetteifern könnte. Man ist für den Besuch sämtlicher Herrscher der Welt gerüstet. In der Nacht tritt an Stelle der wehenden Standarte eine Transparentlaterne mit der farbigen Abbildung der Standarte. Und so ist man heute bei Tag und bei Nacht gegen taktlose Nachahmungen gesichert.

Ein kleines Detail sollte hier noch erwähnt werden, nicht weil es von besonderer Bedeutung wäre, sondern weil  so etwas heute, zu Beginn des zweiten Viertels des 21. Jahrhunderts, schlichtweg unvorstellbar ist: die vom Fahrgast, bzw. vom Beifahrer betätigte Hupe, bei der es sich eigentlich um eine Variante der Schalmei handelte (erfunden 1880 und als westliche Interpretation der chinesischen ‘Sheng’ angesehen), die in diesem Fall mit drei Trompetenventilen ausgestattet war, aber manuell über einen Hupenbalg betätigt wurde. So wie das Automobil im gewissen Sinne eine historische Weiterentwicklung der Kutsche ist, so ist auch diese Hupe, bzw. Schalmei — gehalten und „geblasen“ vom Beifahrer — nichts anderes als so etwas wie die Weiterentwicklung des Posthorns,
das ebenfalls beim Einfahren in Dörfer vom auf dem Bock sitzenden Beifahrer der Postkutsche geblasen wurde, eine Tradition, die im 19. Jahrhundert noch üblich war, und heute ihren letzten Ausdruck im Posthorn-Logo verschiedener europäischer Postverwaltungen findet (u.a. im Logo der ‘Deutschen Post’).

Zur Erinnerung: Im Heft 13 der MBMC-Newsletter vom Dezember 2023 befindet sich ein Beitrag, der unter dem Titel „Die „Automobil Abteilung“ des königlichen Marsstalls” sich ausgiebig mit der Garage des Kaisers Wilhelm II im Berliner Schloss befasst.

Das Modell von AUTOCULT:

Autocult hat mit dem Mercedes 38/70 HP “Landaulet” des Kaiserlichen Hofes wieder einmal ein  außergewöhnliches und gelungenes Modell im Maßstab 1:43 herausgebracht, und zwar in zwei Ausführungen, das eine Mal mit offenem, das andere Mal mit geschlossenem Dach.

Die offene Version hat auf dem Dach, was so mancher Betrachter als Hutschachtel betrachten mag, aber  tatsächlich ein abnehmbarer, geschlossener Behälter für zwei Ersatzreifen ist.

Das Modell des geschlossenen Wagens entspricht mit seiner Innenraum-Ausführung, insbesondere der roten Lederpolsterung, dem Wagen des Kaisers Wilhelm II. Hingegen ist das offene Landaulet der Kaiserin Auguste Viktoria, wie die offizielle Beschreibung lautet, “mit beigem Tuch gepolstert”. Es ist lobenswert, dass AutoCult sich entschloss, ein Modell von beiden Ausführungen herzustellen und anzubieten. Sei es aus automobilgeschichtlichen oder rein historischen Gründen, es lässt ein Gesamtbild entstehen.

Dieses Modell ist als perfekte Ergänzung für jede Mercedes-Sammlung sehr zu empfehlen und wird ebenso jeden begeistern, der sich für Geschichte interessiert.


Hinweis: Die Bilder in dieser INFO stammen von Vorserienprototypen und können vor der Serienfertigung noch verbessert worden sein (oder wurden möglicherweise bereits verbessert).

Quellen: Bundesarchiv; Mercedes-Benz Archiv; Chronos Media; “Zum 25. Bestehen der Daimer-Motoren-Gesellschaft‘‘ (Selbstverlag Stuttgart Untertürkheim).