Aus der Clubzeitung des Mercedes-Benz Veteranen Club von Deutschland e.V. Ausgabe 02/2004
Ein Krieg, den man später den Ersten Weltkrieg nennen würde, stand bevor. Doch als man bei Benz‘ens. den neuen Typ 21/50 PS entwickelte, war das längst noch nicht ab zu sehen. Der gänzlich neue Typ sollte der erste Sechzylinder aus der Mannheimer Wiege des Automobilbaus werden und das Produktionsprogramm nach oben abrunden. Für die technische Seite waren die Badenser auch allemal gut, die Einkleidung eines solchen Wagens gab man in diesem Fall jedoch an die Hessen – der Firma Kruck. Heraus kam dabei alles andere als eine „Krucke“, sondern der Zeitgeist des Jugendstils spiegelt sich in einigen hübschen Details wieder. Und wir wollen uns einmal mit dieser Geschichte befassen. . .

Interieur geprägt vom Jugendstil: Oktagon und die feinen Ziselierungen geben eindeutig den Zeitgest wieder
Kruck, wahrscheinlich eine von diesen kleinen kurzlebigen Krauterbuden, die man überall in Deutschland und der restlichen Welt findet in den Tagen des boomenden Automobilbaus!? Weit gefehlt! Damals, in den Jahren des letzten Deutschen Kaisers, als Autofirmen wie Pilze aus dem Boden sprossen und noch viel schneller verwelkten, da gab es die Firma Kruck schon über sechzig Jahre! Bereits im Handelsregister von 1838 steht in Frankfurt am Main der Wagenbaubetrieb von Heinrich Kruck. Solide Handwerkskunst und anständige Preise zahlten sich für ihn und seinen Sohn und später auch seinen Enkel Georg Kruck aus. Georg Kruck indes erkannte die Zeichen der Zeit und stellte allmählich von der Herstellung von Kutschen auf Automobile um. Im Deutschen Museum befindet sich auch das wahrscheinlich erste, sicherlich aber das älteste noch erhaltene Automobil, das Kruck karossierte: Der von Willy Seck gebaute Motorwagen mit Reibrad-Antrieb.
Damals waren die Fahrzeuge, die ohne Pferde auskamen, in Frankreich und England viel beliebter und verbreiteter als im Mutterland des Automobils. Auch Kruck bemerkte dies und richtete sein Angebot entsprechend aus. Gerne verwand er französische, flämische und valonische Stilelemente und hoffte so auf den erhöhten Absatz im Westen. Die Rechnung ging zum Teil auf; zwar wurden seine schwierigen Karosserien nach Art der Roides-Belges hoch gelobt, und er brachte es dadurch kurzzeitig zum Titel des „Hofwagenbauers“, jedoch war die deutsche Kundschaft noch nicht so weit und die französische bereits zu weit. Damit schaffte Kruck also nie den großen Durchbruch, obwohl Georg Kruck viel daran setzte.

Die dreiteilige Haube ist typisch für die Zeit und gewährt gute Einblicke. Der Spitzkühler verrät uns, dass der Benz erst Ende 1914 gebaut wurde. Vorher wurden Flach- beziehungsweise Schnabelkühler verbaut.
Bereits 1905 gründete er ein Zweigwerk in Wiesbaden (um der vermeintlichen Kundschaft näher zu sein) und nur ein Jahr später eine Filiale in Berlin um auch den Preußen seine Karosserien zu verkaufen. Um solch eine Firma zu führen, brauchte man aber auch mehr als einen Chef und deshalb hatte Kruck bereits Anfang des Jahrhunderts Alfred Roth als Mitinhaber in das Unternehmen eingeführt. Der aus Bayern stammende englische Künstler, Hubert von Herkomer (nach dem auch die Herkomer-Fahrten benannt sind, die sich in dieser Zeit großer Beliebtheit erfreuten) machte Kruck einige Vorschläge zu Karosserien, als sie sich einmal trafen. Diese Vorschläge und an englischen Daimler-Wagen beobachteten Details ließ Kruck in die „Herkomer-Karosserie“ einfließen. Brünierte Beschläge (damit konnte das damals überall übliche Messing nicht mehr so schnell anlaufen) oder auch Metall- statt Holzpfosten verdanken Kruck die Einführung. Ab 1910 bot er sogar Flugzeugrümpfe an. Konnte dort aber, aufgrund der gänzlich anderen Anforderungen, keinen Boden gut machen.

Bitte Eintreten: Der Innenraum ist relativ Bescheiden, allerdings kann man von hier aus fünf Fenster herunterkurbeln oder mit Jalousien
verdunkeln – und Platz gibt es reichlich
Die Automobilkarossen waren nun mal der Haupterwebszweig und daran musste man festhalten. Gemeinsam mit einigen anderen Karosseriefirmen in Deutschland erwarb er Mitte der Zwanziger Jahre die Lizenz zum Nachbau der sogenannten „Weymann-Karosserien“ für das Deutsche Reich. Alles lief gut in den „Roaring Twenties“ und so konnte Georg Kruck, der ohne Erben geblieben war, altersbedingt ausscheiden. Den Börsen-Crasch von 1929, den sogenannten schwarzen Freitag, erlebte er nicht mehr und so blieb ihm auch erspart zu sehen, wie der Mitinhaber Alfred Roth in dessen Folge das Unternehmen 1930, also nach fast 100 Jahren, liquidieren musste.
Aber dieser 21/50 PS Benz, den wir hier vor uns haben, war zu diesem Zeitpunkt nicht nur längst gebaut, sondern befand sich bereits seit zwei Jahren im Technischen Museum in Dresden. Heute ist es kaum vorstellbar, dass ein altes Auto mit gerade einmal 14 Jahren auf dem Buckel würdig ist in ein technisches Museum aufgenommen zu werden, aber damals war die Entwicklung um ein vielfaches rasanter als heute. Und der neu entwickelte und erste Benz mit Sechszylinder-Motor von 1914 war bereits im Folgejahr von einem Vierzylinder leistungsmäßig überholt.

Der Chauffeur war ein richtiger Beruf seinerzeit! Das Durchschauen aller Instrumente bedarf auch in der Tat einiges Wissens, Übung und viel Gefühl
Von der karosseriemäßigen Seite entpuppt sich dieser Kruck als ein reines Kind des Jugendstils. Viele Details an Türgriffen, Hebeln, Fußabstreifern bis hin zum Aschenbecher verraten dies ganz deutlich. Aber wen wundert‘s? Schließlich war der Firmensitz von Kruck auch nur wenige Kilometer entfernt von der Hochburg des Jugendstils Bad Nauheim und der damalige Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt und bei Rhein war eben so kunstbegeistert, dass er die allgemeine Öffentlichkeit damit „ansteckte“. Die stilisierten und teilweise mystifizierten floralen Muster begegneten einem also damals überall, und so ist es eigentlich nur logisch, dass sich dies auch im Automobilbau widerspiegelte. Andererseits ist genau dies das Paradoxon, denn der Jugendstil wollte der Abkehr von der Handwerkskunst hin zur industriellen Massenfertigung Paroli bieten. Doch sei‘s drum!
Die Technik und auch die Stilistik hatte diesen Typ 21/50 PS schnell eingeholt und so befand er sich bis zur Maueröffnung in Museumsobhut. Er galt dort als Meilenstein, schließlich war es der erste Sechszylinder aus dem Hause Benz. Der damalige Chefkonstrukteur Hans Nibel stand vor der Aufgabe, für jede Käuferschicht einen passenden Wagen der Marke Benz zu schaffen. Wenngleich der kleine Benz 8/18 PS den größten Absatz fand, wurden auch größere und stärkere Modelle gebaut. Acht verschiedene Modellreihen standen zur Wahl als Baurat Fritz Nallinger in den Vorstand berufen wurde. Er war fest entschlossen, diese, für damalige Verhältnisse, unübersehbare Zahl auf zwei Modellreihen zu begrenzen. Die Mehrheit des Aufsichtsrates beharrte indes auf dem bisherigen Standpunkt und so blieb von 1912 bis 1914 erstemal alles wie gehabt.
Als der 21/50 debütierte konnte keiner ahnen, dass noch in diesem Jahr der Krieg ausbrechen würde. Während des Kriegsverlaufes wurden die technischen Entwicklungen zunächst unterbrochen und auch die Produktion der Luxuswagen kam zum erliegen. Nallinger hatte sein Ziel fast erreicht, wenn auch mit unfreiwilligen Mitteln. Kein Wunder, denn bereits zum Jahresende 1914 mussten die Preise aufgrund des Materialmangels um rund 10 % erhöht werden. Lediglich beim kleinen 8/20 PS wurde „nur“ um 5 % erhöht. Der neue, durch Kardanwelle angetriebene 21/50 PS hingegen erhielt den vollen Zuschlag und kostete statt 15.500 Mark satte 16.850 Mark. Kein Wunder, dass nur wenige dieser Modelle gebaut wurden. Die kleinen Modelle verkauften sich auch weiterhin relativ gut, die mittelgroßen Wagen wurden häufig für den Heeresbedarf geordert und die Benz´schen Flugmotoren brachten zusätzliches Geld in die Kassen und Benz & Cie expandierte auch bei der Beschäftigung.
Die Kardanwelle ist insofern besonders erwähnenswert, da Benz auch noch Modelle mit Kettenantrieb im Programm hatte. Runde 5,4 Liter Hubraum brachte der 21/50 mit und das bei milden 1.650 Umdrehungen pro Minute. Die Zylinder waren, wie bei älteren Modellen, Paarweise gegossen und hatten dadurch ein leicht antiquiertes Erscheinungsbild.

Der erste Sechszylinder aus dem Hause Benz entsprich
konstruktiv dem Vierzylinder in verlängerter Form.
Die Lichtmaschine ist offensichtlich jüngeren Datums!
Modern hingegen waren die Auspuffrohre, die seitlich aus der Motorhaube heraustraten. Ein Stilelement, dass rund zehn Jahre später bei den Kompressormodellen für Furore sorgen sollte. „Ruhig und kraftvoll“ beschreibt ihn die Werbung und genauso präsentiert er sich noch heute. Die Imposantz dieses Wagens ist kaum zu beschreiben, wenn man ihn nicht gesehen hat. Mit seiner Höhe, die auch großgewachsene Menschen noch überragt, kann man sich leicht vorstellen, dass durchaus auch mit Hut im Fond die Herrschaft Platz nehmen konnte. Die Trennscheibe zum Fahrer sowie die Tür und auch die Seitenscheiben lassen sich herunterkurbeln und alle Verglasung des Separees können mittels Jalousien verdunkelt werden. Privatsphäre Anno 1914!
- Klares Stilelement: Der Türöffner ist im Sinne des Jugendstils ausgearbeitet und lässt sich übrigens mit dem kleinen Knöpfchen oben verriegeln
- Das Einstiegsblech als Visitenkarte: Hier verrät es den Hersteller Carosserie Kruck Frankfurt
Obwohl der 21/50 PS eines von zwei neuen Modellen im Jahre 1914 war, noch dazu mit einem neuen Motor, finden sich im Archiv fast keine Informationen darüber und so müssen wir uns fast ausschließlich an dessen Anblick erfreuen.
JE mit freundlicher Unterstützung von www.PS-Classic.com

Ungewöhnlich aber offensichtlich nicht unmöglich: Der 21/50 PS hat zwei originale Typenschilder an der Schottwand und beide ergänzen sich.

